Wie Sie Kindern Sicherheit geben

Derzeit gehe ich viel in der Stadt spazieren. Dabei komme ich auch immer wieder an Kitas vorbei, die ich noch nicht kenne. Neugierig schaue ich mir die Gebäude von außen an und lasse den Eindruck auf mich wirken.

Neulich sprangen mir die visualisierten Regeln, die über einem Bällebad hingen, ins Gesicht. Es waren 6 Regeln, schön mit Buntstiften aufgemalt. Und bis auf eine einzige waren alle durchgestrichen – der eindeutige Hinweis an die spielenden Kinder, eben genau das nicht zu tun. Das machte mich nachdenklich und ich fragte mich:

∎ Was ist der Sinn von Regeln?
∎ Wie können Kinder im Alltag Sicherheit erleben?

Nun nehme ich Sie auf einen Weg zu einer hoffentlich zufriedenstellenden Antwort mit.

Grundlage einer gelingenden Erziehung und Beziehung ist das Erkennen von Bedürfnissen sowohl beim Kind als auch beim Erwachsenen. Hierzu hat Brigitte Hannig eine sehr zu empfehlende, überarbeitete Bedürfnispyramide allen Erziehenden an die Hand gegeben. In ihr fasst sie sowohl die Maslow´schen Bedürfniskategorien als auch die von Marshall Rosenberg genannten Bedürfnisse des Menschen zusammen und bringt somit beide Gedankenansätze in Verbindung.

Mit Hilfe dieser Bedürfnispyramide wird deutlich, dass nach den physiologischen Bedürfnissen, die durch „Überlebens“-bindungen gesichert werden, als nächst wichtigstes das Bedürfnis nach Sicherheit kommt.

Was stillt das Sicherheitsbedürfnis des Kindes?

„Um die Folgen der veränderten Denk- und Lebensweisen aufzufangen, ist es notwendig geworden, dass Erziehende (wieder) ein Bewusstsein dafür entwickeln, was Kinder brauchen. Das kindliche Gehirn braucht für seine Entwicklung vor allem Ruhe und Ordnung im Umfeld und – noch wichtiger – in den Beziehungen. Damit das Kind in Ruhe heranwachsen kann und sein Gehirn in Ruhe heranreifen kann, bedarf es der liebevollen, haltgebenden Autorität der Eltern und Fachkräfte, die ein Wissen über seine Grundbedürfnisse haben.“ (B. Hannig).

Ruhe, Stabilität und innere Autorität sind von Seiten der Erwachsenen erforderlich,
um dem Kind sein grundlegendes Bedürfnis nach Sicherheit stillen zu können.

Hinzu kommt, dass das Kind seinen Halt und seine Sicherheit aus Ritualen, Rhythmus und einer ausreichend sicheren Bindung erfahren kann. Diese Erfahrung basiert darauf, dass die Erwachsenen – egal ob im familiären oder Kitaalltag – eine Atmosphäre der Ruhe schaffen. Die Erwachsenen sind präsent, ermöglichen entspanntes Zusammensein und schaffen dadurch für die Kinder einen Raum zum Spielen.

In dieser Situation sind nicht die Kinder für Ruhe zuständig, damit diese so wichtige Grundlage geschaffen wird. Dieser Anspruch zielt in eine andere Richtung als die oft verbal eingeforderte Ruhe von den Kindern, die von „Ruheampeln“ überwacht werden. Auch ein Entspannungstraining ist gut gemeint, ist aber ein Angebot, das separat vom Gruppenalltag und kindbezogen stattfindet.

Wann entsteht eine entspannte Atmosphäre?

Es entsteht dann eine entspannte, ruhige Atmosphäre zwischen allen Anwesenden in der Familie und in der Kita, wenn es beim Kind und Erwachsenen physiologisch möglich ist. Was bedeutet dies?

Das vegetative Nervensystem besteht aus den beiden unterschiedlichen Zweigen, die sich in Sympathikus und Parasympathikus aufteilen. Die Dominanz des sympathischen Zweigs versetzt den Menschen in einen spannungsbetonten, harten und von sich weg-weisenden Zustand. Die körperliche Erfahrung ist zweidimensional. Das Tempo wird schnell, die Abläufe werden abgearbeitet, die Kommunikation geschieht mit Hilfe von viel Sprache.

Die Dominanz des parasympathischen Zweigs versetzt den Menschen in einen durchlässigen, weichen, zu-sich-hinführenden Zustand. Die körperliche Erfahrung ist dreidimensional. Das Tempo ist spürbar mehr mit dem Atem verbunden, ein Rhythmus ist zwischenmenschlich erfahrbar.

Die Kommunikation geschieht auch mit Hilfe von Sprache, kann aber gleichzeitig die nonverbalen Signale beantworten. Der Raum für innerliche und äußerliche Ruhe ist vorhanden. Das Kind spürt, dass der Erwachsene anwesend ist, bei sich selbst und gleichzeitig in Verbindung mit dem Kind. So kann im Kind Ruhe entstehen.

Welchen Sinn haben die Regeln?

Regeln in der Kita sollen demnach als erstes das Sicherheitsbedürfnis des Kindes stillen. Der zweite Zweck ist das Ermöglichen von Zusammenleben, indem die Regeln allen Beteiligten Orientierung geben. Dies kann nur geschehen, wenn das Sicherheitsbedürfnis jedes einzelnen Kindes ausreichend gestillt ist.

Die Aufgabe der Erwachsenen ist nunmehr, dieses Bedürfnis beim Kind zu erkennen und ausreichend zu beantworten. Damit dies möglich ist – sowohl kräftemäßig als auch zeitlich – ist eine klare Unterscheidung zwischen Wunsch und Bedürfnis des Kindes notwendig.

Wunsch des Kindes ist eine kurzfristige Befriedigung eines Schein-Bedürfnisses (z.B. Süßigkeiten). Auch wenn der Wunsch des Kindes erfüllt wird („Hier ist das Bonbon“) ist das langfristige Bedürfnis z.B. nach Orientierung und In-Verbindung-Sein nicht gestillt.

Wer diese feinen Unterschiede erkennt, hat oft behutsam beobachtet und anschließend reflektiert. Das gibt Sicherheit und Klarheit im Handeln. Dies bemerkt das Kind und kann sich entspannen. Jegliche Parallelen zur schwarzen Pädagogik, die per Machtposition weiß, was richtig ist, sind hier fehl am Platz.

Aber durch den Wunsch vieler Eltern und Pädagogen, ihren Kindern eine andere Form der Beziehung anbieten zu wollen, werden oft die Rollen im System Eltern – Kind vertauscht. Dann steht das Kind mit all seinen Bedürfnissen und Wünschen im Mittelpunkt. Die Unterscheidung zwischen Bedürfnis und Wunsch ist aber so wichtig, damit das Kind nicht zu viel und zu früh Verantwortung für sich übernimmt. Dies ist eine weitere Grundlage, damit bei Kindern das Erleben von Sicherheit entstehen kann.

Regeln können nur das Resultat einer inneren Haltung sein. Die Achtsamkeit der Erwachsenen und damit einhergehend die eigene Verbundenheit sind Ausgangspunkt der nachfolgenden Punkte.

Regeln im Alltag geben die notwendige Unterstützung, wenn

∎ die Erwachsenen innerlich ruhig sind
∎ zwischen Kind und Erwachsenen ungestörte Momente in der Begegnung da sind
∎ die Erwachsenen kleine Beziehungsabbrüche im Alltag bemerken und so weit als möglich unterlassen: z.B. Blick auf das Handy, unangekündigtes Verlassen des Zimmers, wechselnde, für das Kind nicht nachvollziehbare Gesprächssituationen mit mehreren Kindern
∎ die Erwachsenen Langsamkeit im Alltag leben
∎ die Erwachsenen innehalten und sich mit dem eigenen Herz und Atem verbinden
∎ die Erwachsenen Trost geben anstatt abzulenken.

Regeln ermöglichen dem Kind Orientierung und
schaffen dadurch die Grundlage für innere Ruhe.

Mit diesem Wissen werfen wir nun einen Blick auf die durchgestrichenen Regeln über dem Bällebad in der Kita. Ermöglichen die Regeln, dass das Kind zur inneren Ruhe kommt oder bedienen diese vielmehr den Anspruch, die Aufsichtspflicht rechtlich korrekt umzusetzen? Das wäre auf jeden Fall eine aus Sicht der Kita – Fachkräfte nachvollziehbare Erklärung.

Doch für und auch mit den Kindern sind solche Formate der Regelerstellung sehr bedauerlich.

Sinnvolle Regeln

Was ist stattdessen sinnvoll? Ganz bestimmt die Regeln so knapp und positiv formulieren, dass die Erfüllung für das Kind zu einer Selbstverständlichkeit wird. Wie wäre es mit:

 1. Im Bällchen Bad sind x Kinder.

 2. Wir bemühen uns, miteinander zu spielen.

 3. Wir bemühen uns zu sagen, wenn uns etwas stört.

 4. Wir gehen zu den Erwachsenen, wenn wir Hilfe brauchen.

 5. Wir bemühen uns, Ordnung zu halten.

Diese Aussagen lassen sich auch visualisieren und drücken eine Grundhaltung im Zusammenleben aus.
Wenn das Zusammenleben mit den Kindern gelingen soll, dann sind die Erwachsenen die Hauptakteure. Je wohliger ein Kind sich in der Beziehung zum Erwachsenen fühlt, desto mehr kann das Kind aus dem parasympathischen Zustand heraus handeln. Dieser Zustand strebt nach Verbindung mit den Mitmenschen und auch den Objekten.

Dann können die Regeln dazu dienen, wozu sie geschaffen sind:

Regeln sind Leitplanken, um eine entspannte Umgebung für alle zu ermöglichen.
Sie sind keine Erziehungsmaßnahmen.

Gerne begleite ich Kita – Leitungskräfte und ihr Team sowie Eltern auf dem Weg, dieses Regel – und Beziehungsverständnis im Alltag mit Kindern umzusetzen.

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Literaturhinweise:

Elisabeth Buchner, Hormonselbsthilfe, Script aus Fortbildung 2020

Brigitte Hannig, „Bedarf und Bedürfnisse“ Gedanken zur Bindungspädagogik 2016

Brigitte Hannig, „Chaos und Chancen“ Impulse-Mail für Erziehende, No 14, 2020 zu beziehen unter www.in-bindung-leben.de

Elsbeth Störr/ Ingeborg Friedmann, SIMOE- Persönlichkeitsentwicklung, Script aus der Fortbildungsreihe 2019

 

Fotos:

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